Teil 22 Wilhelm Tell · Capítulo 22 de 35
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Teil 22

Der Apfel ist gefallen!

(Indem sich Alle nach dieser Seite gewendet, und Bertha zwischen

Rudenz und den Landvogt sich geworfen, hat Tell den Pfeil abgedrückt.)

Rösselmann.

Der Knabe lebt!

Viele Stimmen.

Der Apfel ist getroffen!

(Walther Fürst schwankt und droht zu sinken, Bertha hält ihn.)

Geßler

(erstaunt)

.

Er hat geschossen? Wie? Der Rasende!

Bertha.

Der Knabe lebt! Kommt zu euch, guter Vater!

Walther Tell

(kommt mit dem Apfel gesprungen).

Vater, hier ist der Apfel — Wußt’ ich’s ja,

Du würdest deinen Knaben nicht verletzen.

Tell

(stand mit vorgebogenem Leib, als wollt’ er dem Pfeile folgen —

die Armbrust entsinkt seiner Hand — wie er den Knaben kommen

sieht, eilt er ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen und hebt ihn

mit heftiger Inbrunst zu seinem Herzen hinauf; in dieser Stellung

sinkt er kraftlos zusammen. Alle stehen gerührt).

Bertha.

O güt’ger Himmel!

Walther Fürst

(zu Vater und Sohn)

.

Kinder! meine Kinder!

Stauffacher.

Gott sey gelobt!

Leuthold.

Das war ein Schuß! Davon

Wird man noch reden in den spätsten Zeiten.

Rudolph der Harras.

Erzählen wird man von dem Schützen Tell,

So lang die Berge stehn auf ihrem Grunde.

(Reicht dem Landvogt den Apfel.)

Geßler.

Bei Gott, der Apfel mitten durch geschossen!

Es war ein Meisterschuß, ich muß ihn loben.

Rösselmann.

Der Schuß war gut; doch wehe dem, der ihn

Dazu getrieben, daß er Gott versuchte.

Stauffacher.

Kommt zu euch, Tell, steht auf, ihr habt euch männlich

Gelöst, und frei könnt ihr nach Hause gehen.

Rösselmann.

Kommt, kommt und bringt der Mutter ihren Sohn!

(Sie wollen ihn wegführen.)

Geßler.

Tell, höre!

Tell

(kommt zurück)

.

Was befehlt ihr, Herr?

Geßler.

Du stecktest

Noch einen zweiten Pfeil zu dir — Ja, ja,

Ich sah es wohl — Was meintest du damit?

Tell

(verlegen)

.

Herr, das ist also bräuchlich bei den Schützen.

Geßler.

Nein, Tell, die Antwort lass’ ich dir nicht gelten;

Es wird was Andres wohl bedeutet haben.

Sag mir die Wahrheit frisch und fröhlich, Tell;

Was es auch sey, dein Leben sichr’ ich dir.

Wozu der zweite Pfeil?

Tell.

Wohlan, o Herr,

Weil ihr mich meines Lebens habt gesichert —

So will ich euch die Wahrheit gründlich sagen.

(Er zieht den Pfeil aus dem Goller und sieht den Landvogt mit einem

furchtbaren Blick an.)

Mit diesem zweiten Pfeil durchschoß ich —

euch

,

Wenn ich mein liebes Kind getroffen hätte,

Und eurer — wahrlich, hätt’ ich nicht gefehlt.

Geßler.

Wohl, Tell! Des Lebens hab’ ich dich gesichert;

Ich gab mein Ritterwort, das will ich halten —

Doch, weil ich deinen bösen Sinn erkannt,

Will ich dich führen lassen und verwahren,

Wo weder Mond noch Sonne dich bescheint,

Damit ich sicher sey vor deinen Pfeilen.

Ergreift ihn, Knechte! Bindet ihn!

(Tell wird gebunden.)

Stauffacher.

Wie, Herr!

So könntet ihr an einem Manne handeln,

An dem sich Gottes Hand sichtbar verkündigt?

Geßler.

Laß sehn, ob sie ihn zweimal retten wird.

— Man bring’ ihn auf mein Schiff! Ich folge nach

Sogleich, ich selbst will ihn nach Küßnacht führen.

Rösselmann.

Das dürft ihr nicht, das darf der Kaiser nicht,

Das widerstreitet unsern Freiheitsbriefen!

Geßler.

Wo sind sie? Hat der Kaiser sie bestätigt?

Er hat sie nicht bestätigt — Diese Gunst

Muß erst erworben werden durch Gehorsam.

Rebellen seyd ihr Alle gegen Kaisers

Gericht und nährt verwegene Empörung.

Ich kenn’ euch Alle — ich durchschau’ euch ganz —

Den

nehm’ ich jetzt heraus aus eurer Mitte;

Doch Alle seyd ihr theilhaft seiner Schuld.

Wer klug ist, lerne schweigen und gehorchen.

(Er entfernt sich, Bertha, Rudenz, Harras und Knechte folgen,

Frießhardt und Leuthold bleiben zurück.)

Walther Fürst

(in heftigem Schmerz)

.

Es ist vorbei; er hat’s beschlossen, mich

Mit meinem ganzen Hause zu verderben!

Stauffacher

(zum Tell)

.

O, warum mußtet ihr den Wüthrich reizen!

Tell.

Bezwinge sich, wer meinen Schmerz gefühlt!

Stauffacher.

O, nun ist Alles, Alles hin! Mit euch

Sind wir gefesselt Alle und gebunden!

Landleute

(umringen den Tell)

.

Mit euch geht unser letzter Trost dahin!

Leuthold

(nähert sich)

.

Tell, es erbarmt mich — doch ich muß gehorchen.

Tell.

Lebt wohl!

Walther Tell

(sich mit heftigem Schmerz an ihn schmiegend).

O Vater! Vater! lieber Vater!

Tell

(hebt die Arme zum Himmel).

Dort droben ist dein Vater! Den ruf’ an!

Stauffacher.

Tell, sag’ ich eurem Weibe nichts von euch?

Tell

(hebt den Knaben mit Inbrunst an seine Brust).

Der Knab’ ist unverletzt; mir wird Gott helfen.

(Reißt sich schnell los und folgt den Waffenknechten.)

Vierter Aufzug.

Erste Scene.

Oestliches Ufer des

Vierwaldstättersees.

Die seltsam gestalteten schroffen Felsen im Westen schließen

den Prospect. Der See ist bewegt, heftiges Rauschen und Tosen,

dazwischen Blitze und Donnerschläge.

Kunz von Gersau.

Fischer

und

Fischerknabe

.

Kunz.

Ich sah’s mit Augen an, ihr könnt mir’s glauben;

’s ist Alles so geschehn, wie ich euch sagte.

Fischer.

Der Tell gefangen abgeführt nach Küßnacht,

Der beste Mann im Land, der bravste Arm,

Wenn’s einmal gelten sollte für die Freiheit.

Kunz.

Der Landvogt führt ihn selbst den See herauf;

Sie waren eben dran, sich einzuschiffen,

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