Teil 33
— Ihm haben wir nichts weiter zu entrichten.
Melchthal.
Und weint die Königin in ihrer Kammer,
Und klagt ihr wilder Schmerz den Himmel an,
So seht ihr hier ein angstbefreites Volk
Zu eben diesem Himmel dankend flehen —
Wer Thränen ernten will, muß Liebe säen.
(Reichsbote geht ab.)
Stauffacher
(zu dem Volk)
.
Wo ist der Tell? Soll er allein uns fehlen,
Der unsrer Freiheit Stifter ist? Das Größte
Hat
er
gethan, das Härteste erduldet.
Kommt Alle, kommt nach seinem Haus zu wallen,
Und rufet Heil dem Retter von uns Allen.
(Alle gehen ab.)
Zweite Scene.
Tells Hausflur.
Ein Feuer brennt auf dem Herd. Die offenstehende Thüre zeigt ins
Freie.
Hedwig
,
Walther
und
Wilhelm
.
Hedwig.
Heut kommt der Vater. Kinder, liebe Kinder!
Er lebt, ist frei, und wir sind frei und Alles!
Und euer Vater ist’s, der’s Land gerettet.
Walther.
Und ich bin auch dabei gewesen, Mutter!
Mich muß man auch mit nennen. Vaters Pfeil
Ging mir am Leben hart vorbei, und ich
Hab’ nicht gezittert.
Hedwig
(umarmt ihn)
.
Ja, du bist mir wieder
Gegeben! Zweimal hab’ ich dich geboren!
Zweimal litt ich den Mutterschmerz um dich!
Es ist vorbei — ich hab’ euch beide, beide!
Und heute kommt der liebe Vater wieder!
Ein Mönch
erscheint an der Hausthür.
Wilhelm.
Sieh, Mutter, sieh — dort steht ein frommer Bruder;
Gewiß wird er um eine Gabe flehn.
Hedwig.
Führ’ ihn herein, damit wir ihn erquicken;
Er fühl’s, daß er ins Freudenhaus gekommen.
(Geht hinein und kommt bald mit einem Becher wieder.)
Wilhelm
(zum Mönch)
.
Kommt, guter Mann. Die Mutter will euch laben.
Walther.
Kommt, ruht euch aus und geht gestärkt von dannen.
Mönch
(scheu umherblickend mit zerstörten Zügen).
Wo bin ich? Saget an, in welchem Lande?
Walther.
Seyd ihr verirret, daß ihr das nicht wißt?
Ihr seyd zu Bürglen, Herr, im Lande Uri,
Wo man hineingeht in das Schächenthal.
Mönch
(zur Hedwig, welche zurückkommt)
.
Seyd ihr allein? Ist euer Herr zu Hause?
Hedwig.
Ich erwart’ ihn eben — doch was ist euch, Mann?
Ihr seht nicht aus, als ob ihr Gutes brächtet.
— Wer ihr auch seyd, ihr seyd bedürftig, nehmt!
(Reicht ihm den Becher.)
Mönch.
Wie auch mein lechzend Herz nach Labung schmachtet,
Nichts rühr’ ich an, bis ihr mir zugesagt —
Hedwig.
Berührt mein Kleid nicht, tretet mir nicht nah,
Bleibt ferne stehn, wenn ich euch hören soll.
Mönch.
Bei diesem Feuer, das hier gastlich lodert,
Bei eurer Kinder theurem Haupt, das ich
Umfasse —
(Ergreift den Knaben.)
Hedwig.
Mann, was sinnet ihr? Zurück
Von meinen Kindern! — Ihr seyd kein Mönch! Ihr seyd
Es nicht! Der Friede wohnt in diesem Kleide;
In euren Zügen wohnt der Friede nicht.
Mönch.
Ich bin der unglückseligste der Menschen.
Hedwig.
Das Unglück spricht gewaltig zu dem Herzen;
Doch euer Blick schnürt mir das Innre zu.
Walther
(aufspringend)
.
Mutter, der Vater!
(Eilt hinaus.)
Hedwig.
O mein Gott!
(Will nach, zittert und hält sich an.)
Wilhelm
(eilt nach)
.
Der Vater!
Walther
(draußen)
.
Da bist du wieder!
Wilhelm
(draußen)
.
Vater, lieber Vater!
Tell
(draußen)
.
Da bin ich wieder — Wo ist eure Mutter?
(Treten herein.)
Walther.
Da steht sie an der Thür’ und kann nicht weiter;
So zittert sie für Schrecken und für Freude.
Tell.
O Hedwig! Hedwig! Mutter meiner Kinder!
Gott hat geholfen — uns trennt kein Tyrann mehr.
Hedwig
(an seinem Halse)
.
O Tell! Tell! Welche Angst litt ich um dich!
(Mönch wird aufmerksam.)
Tell.
Vergiß sie jetzt und lebe nur der Freude!
Da bin ich wieder! Das ist meine Hütte!
Ich stehe wieder auf dem Meinigen!
Wilhelm.
Wo aber hast du deine Armbrust, Vater?
Ich seh’ sie nicht.
Tell.
Du wirst sie nie mehr sehn.
An heil’ger Stätte ist sie aufbewahrt;
Sie wird hinfort zu keiner Jagd mehr dienen.
Hedwig.
O Tell! Tell!
(Tritt zurück, läßt seine Hand los.)
Tell.
Was erschreckt dich, liebes Weib?
Hedwig.
Wie —
wie
kommst du mir wieder? — Diese Hand
— Darf ich sie fassen? — Diese Hand — o Gott!
Tell
(herzlich und muthig)
.
Hat euch vertheidigt und das Land gerettet;
Ich darf sie frei hinauf zum Himmel heben.
(Mönch macht eine rasche Bewegung, er erblickt ihn.)
Wer ist der Bruder hier?
Hedwig.
Ach, ich vergaß ihn!
Sprich du mit ihm, mir graut in seiner Nähe.
Mönch
(tritt näher)
.
Seyd ihr der Tell, durch den der Landvogt fiel?
Tell.
Der bin ich, ich verberg’ es keinem Menschen.
Mönch.
Ihr seyd der Tell! Ach, es ist Gottes Hand,
Die unter euer Dach mich hat geführt.
Tell
(mißt ihn mit den Augen)
.
Ihr seyd kein Mönch! Wer seyd ihr?
Mönch.
Ihr erschlugt
Den Landvogt, der euch Böses that — Auch ich
Hab’ einen Feind erschlagen, der mir Recht
Versagte — Er war euer Feind, wie meiner —
Ich hab’ das Land von ihm befreit.
Tell
(zurückfahrend)
.
Ihr seyd —
Entsetzen! — Kinder! Kinder, geht hinein!
Geh’, liebes Weib! Geh’, geh’! — Unglücklicher!
Ihr wäret —
Hedwig.
Gott, wer ist es?
Tell.
Frage nicht!
Fort, fort! Die Kinder dürfen es nicht hören.
Geh’ aus dem Hause — weit hinweg — Du darfst
Nicht unter einem Dach mit diesem wohnen.
Hedwig.
Weh mir, was ist das? Kommt!
(Geht mit den Kindern.)
Tell
(zu dem Mönch)
.
Ihr seyd der Herzog