Teil 07
Meint selber, es sey nicht mehr zu ertragen.
Stauffacher.
Auch drüben unterm Wald geht Schweres vor
Und blutig wird’s gebüßt — Der Wolfenschießen,
Des Kaisers Vogt, der auf dem Roßberg hauste,
Gelüsten trug er nach verbotner Frucht;
Baumgartens Weib, der haushält zu Alzellen,
Wollt’ er zu frecher Ungebühr mißbrauchen,
Und mit der Axt hat ihn der Mann erschlagen.
Walther Fürst.
O, die Gerichte Gottes sind gerecht!
— Baumgarten, sagt ihr? ein bescheidner Mann!
Er ist gerettet doch und wohl geborgen?
Stauffacher.
Euer Eidam hat ihn übern See geflüchtet;
Bei mir zu Steinen halt’ ich ihn verborgen —
— Noch Gräulichers hat mir derselbe Mann
Berichtet, was zu Sarnen ist geschehn.
Das Herz muß jedem Biedermanne bluten.
Walther Fürst
(aufmerksam)
.
Sagt an, was ist’s?
Stauffacher.
Im
Melchthal
, da, wo man
Eintritt bei
Kerns
, wohnt ein gerechter Mann,
Sie nennen ihn den
Heinrich
von der
Halden
,
Und seine Stimm’ gilt was in der Gemeinde.
Walther Fürst.
Wer kennt ihn nicht? Was ist’s mit ihm? Vollendet!
Stauffacher.
Der Landenberger büßte seinen Sohn
Um kleinen Fehlers willen, ließ die Ochsen,
Das beste Paar, ihm aus dem Pfluge spannen:
Da schlug der Knab den Knecht und wurde flüchtig.
Walther Fürst
(in höchster Spannung)
.
Der Vater aber — sagt, wie steht’s um den?
Stauffacher.
Den Vater läßt der Landenberger fordern,
Zur Stelle schaffen soll er ihm den Sohn,
Und, da der alte Mann mit Wahrheit schwört,
Er habe von dem Flüchtling keine Kunde,
Da läßt der Vogt die Folterknechte kommen —
Walther Fürst
(springt auf und will ihn auf die andere Seite führen).
O, still, nichts mehr!
Stauffacher
(mit steigendem Ton)
.
„Ist mir der Sohn entgangen,
So hab’ ich dich!“ — läßt ihn zu Boden werfen,
Den spitz’gen Stahl ihm in die Augen bohren —
Walther Fürst.
Barmherz’ger Himmel!
Melchthal
(stürzt heraus)
.
In die Augen, sagt ihr?
Stauffacher
(erstaunt zu Walther Fürst)
.
Wer ist der Jüngling?
Melchthal
(faßt ihn mit krampfhafter Heftigkeit).
In die Augen? Redet!
Walther Fürst.
O der Bejammernswürdige!
Stauffacher.
Wer ist’s?
(Da Walther Fürst ihm ein Zeichen gibt.)
Der Sohn ist’s? Allgerechter Gott!
Melchthal.
Und ich
Muß ferne seyn! — In seine beiden Augen?
Walther Fürst.
Bezwinget euch! Ertragt es wie ein Mann!
Melchthal.
Um
meiner
Schuld, um
meines
Frevels willen!
— Blind also! Wirklich
blind
und
ganz
geblendet?
Stauffacher.
Ich sagt’s. Der Quell des Sehns ist ausgeflossen,
Das Licht der Sonne schaut er niemals wieder.
Walther Fürst.
Schont seines Schmerzens!
Melchthal.
Niemals! niemals wieder!
(Er drückt die Hand vor die Augen und schweigt
einige Momente; dann wendet er sich von dem Einen zu dem Andern und spricht
mit sanfter, von Thränen erstickter Stimme.)
O, eine edle Himmelsgabe ist
Das Licht des Auges — Alle Wesen leben
Vom Lichte, jedes glückliche Geschöpf —
Die Pflanze selbst kehrt freudig sich zum Lichte.
Und er muß sitzen, fühlend, in der Nacht,
Im ewig Finstern — ihn erquickt nicht mehr
Der Matten warmes Grün, der Blumen Schmelz,
Die rothen Firnen kann er nicht mehr schauen —
Sterben ist nichts — doch
leben
und nicht
sehen
,
Das ist ein Unglück — Warum seht ihr mich
So jammernd an? Ich hab’ zwei frische Augen
Und kann dem blinden Vater keines geben,
Nicht einen Schimmer von dem Meer des Lichts,
Das glanzvoll, blendend mir ins Auge dringt.
Stauffacher.
Ach, ich muß euren Jammer noch vergrößern,
Statt ihn zu heilen — Er bedarf noch mehr!
Denn Alles hat der Landvogt ihm geraubt;
Nichts hat er ihm gelassen, als den Stab,
Um nackt und blind von Thür zu Thür zu wandern.
Melchthal.
Nichts als den Stab dem augenlosen Greis!
Alles geraubt und auch das Licht der Sonne,
Des Aermsten allgemeines Gut — Jetzt rede
Mir Keiner mehr von Bleiben, von Verbergen!
Was für ein feiger Elender bin ich,
Daß ich auf
meine
Sicherheit gedacht,
Und nicht auf deine! — dein geliebtes Haupt
Als Pfand gelassen in des Wüthrichs Händen!
Feigherz’ge Vorsicht, fahre hin — Auf nichts
Als blutige Vergeltung will ich denken.
Hinüber will ich — Keiner soll mich halten —
Des Vaters Auge von dem Landvogt fordern —
Aus allen seinen Reisigen heraus
Will ich ihn finden — Nichts liegt mir am Leben,
Wenn ich den heißen, ungeheuren Schmerz
In seinem Lebensblute kühle.
(Er will gehen.)
Walther Fürst.
Bleibt!
Was könnt ihr gegen ihn? Er sitzt zu Sarnen
Auf seiner hohen Herrenburg und spottet
Ohnmächt’gen Zorns in seiner sichern Veste.
Melchthal.
Und, wohnt’ er droben auf dem Eispalast
Des
Schreckhorns
oder höher, wo die
Jungfrau
Seit Ewigkeit verschleiert sitzt — ich mache
Mir Bahn zu ihm; mit zwanzig Jünglingen,
Gesinnt, wie ich, zerbrech’ ich seine Veste.
Und wenn mir Niemand folgt, und wenn ihr Alle,
Für eure Hütten bang und eure Heerden,
Euch dem Tyrannenjoche beugt — die Hirten
Will ich zusammenrufen im Gebirg,
Dort, unterm freien Himmelsdache, wo
Der Sinn noch frisch ist, und das Herz gesund,
Das ungeheuer Gräßliche erzählen.
Stauffacher
(zu Walther Fürst)
.
Es ist auf seinem Gipfel — Wollen wir
Erwarten, bis das Aeußerste —
Melchthal.
Welch Aeußerstes
Ist noch zu fürchten, wenn der Stern des Auges