Teil 30
Was gibt es hier? Was hat sich zugetragen?
Armgart.
Der Landvogt ist von einem Pfeil durchschossen.
Volk
(im Hereinstürzen)
.
Wer ist erschossen?
(Indem die Vordersten von dem Brautzug auf die
Scene kommen, sind die Hintersten noch auf der Höhe, und die Musik geht
fort.)
Rudolph der Harras.
Er verblutet sich.
Fort, schaffet Hülfe! Setzt dem Mörder nach!
— Verlorner Mann, so muß es mit dir enden;
Doch meine Warnung wolltest du nicht hören!
Stüssi.
Bei Gott, da liegt er bleich und ohne Leben!
Viele Stimmen.
Wer hat die That gethan?
Rudolph der Harras.
Rast dieses Volk,
Daß es dem Mord Musik macht? Laßt sie schweigen!
(Musik bricht plötzlich ab, es kommt noch mehr Volk nach.)
Herr Landvogt, redet, wenn ihr könnt — Habt ihr
Mir nichts mehr zu vertrauen?
(Geßler gibt Zeichen mit der Hand, die er mit
Heftigkeit wiederholt, da sie nicht gleich verstanden werden.)
Wo soll ich hin?
— Nach Küßnacht? Ich versteh’ euch nicht — O, werdet
Nicht ungeduldig — Laßt das Irdische!
Denkt jetzt, euch mit dem Himmel zu versöhnen.
(Die ganze Hochzeitgesellschaft umsteht den Sterbenden mit einem
fühllosen Grausen.)
Stüssi.
Sieh, wie er bleich wird — Jetzt, jetzt tritt der Tod
Ihm an das Herz — die Augen sind gebrochen.
Armgart
(hebt ein Kind empor)
.
Seht, Kinder, wie ein Wütherich verscheidet!
Rudolph der Harras.
Wahnsinnige Weiber, habt ihr kein Gefühl,
Daß ihr den Blick an diesem Schreckniß weidet?
— Helft — leget Hand an — Steht mir Niemand bei,
Den Schmerzenspfeil ihm aus der Brust zu ziehn?
Weiber
(treten zurück)
.
Wir ihn berühren, welchen Gott geschlagen?
Rudolph der Harras.
Fluch treff’ euch und Verdammniß!
(Zieht das Schwert.)
Stüssi
(fällt ihm in den Arm)
.
Wagt es, Herr!
Eu’r Walten hat ein Ende. Der Tyrann
Des Landes ist gefallen. Wir erdulden
Keine Gewalt mehr. Wir sind freie Menschen.
Alle
(tumultuarisch)
.
Das Land ist frei!
Rudolph der Harras.
Ist es dahin gekommen? —
Endet die Furcht so schnell und der Gehorsam?
(Zu den Waffenknechten, die hereindringen.)
Ihr seht die grausenvolle That des Mords,
Die hier geschehen — Hülfe ist umsonst —
Vergeblich ist’s dem Mörder nachzusetzen.
Uns drängen andre Sorgen — Auf, nach Küßnacht,
Daß wir dem Kaiser seine Veste retten!
Denn aufgelöst in diesem Augenblick
Sind aller Ordnung, aller Pflichten Bande,
Und keines Mannes Treu ist zu vertrauen.
Indem er mit den Waffenknechten abgeht, erscheinen
sechs barmherzige Brüder
.
Armgart.
Platz! Platz! Da kommen die barmherz’gen Brüder.
Stüssi.
Das Opfer liegt — die Raben steigen nieder.
Barmherzige Brüder
(schließen einen Halbkreis um den Todten und
singen im tiefen Ton).
Rasch tritt der Tod den Menschen an;
Es ist ihm keine Frist gegeben;
Es stürzt ihn mitten in der Bahn,
Es reißt ihn fort vom vollen Leben.
Bereitet oder nicht, zu gehen,
Er muß vor seinen Richter stehen!
(Indem die letzten Zeilen wiederholt werden, fällt
der Vorhang.)
Fünfter Aufzug.
Erste Scene.
Oeffentlicher Platz bei Altorf.
Im Hintergrunde rechts die Veste Zwing Uri mit dem noch stehenden
Baugerüste, wie in der dritten Scene des ersten Aufzugs;
links eine Aussicht in viele Berge hinein, auf welchen allen
Signalfeuer brennen. Es ist eben Tagesanbruch, Glocken ertönen aus
verschiedenen Fernen.
Ruodi
,
Kuoni
,
Werni
,
Meister Steinmetz
und viele andere
Landleute
, auch
Weiber
und
Kinder
.
Ruodi.
Seht ihr die Feu’rsignale auf den Bergen?
Steinmetz.
Hört ihr die Glocken drüben überm Wald?
Ruodi.
Die Feinde sind verjagt.
Steinmetz.
Die Burgen sind erobert.
Ruodi.
Und wir im Lande Uri dulden noch
Auf unserm Boden das Tyrannenschloß?
Sind wir die Letzten, die sich frei erklären?
Steinmetz.
Das Joch soll stehen, das uns zwingen wollte?
Auf, reißt es nieder!
Alle.
Nieder! nieder! nieder!
Ruodi.
Wo ist der Stier von Uri?
Stier von Uri.
Hier. Was soll ich?
Ruodi.
Steigt auf die Hochwacht, blast in euer Horn,
Daß es weitschmetternd in die Berge schalle,
Und, jedes Echo in den Felsenklüften
Aufweckend, schnell die Männer des Gebirgs
Zusammenrufe!
Stier von Uri geht ab.
Walther Fürst
kommt.
Walther Fürst.
Haltet, Freunde! Haltet!
Noch fehlt uns Kunde, was in Unterwalden
Und Schwytz geschehen. Laßt uns Boten erst
Erwarten.
Ruodi.
Was erwarten? Der Tyrann
Ist todt; der Tag der Freiheit ist erschienen.
Steinmetz.
Ist’s nicht genug an diesen flammenden Boten,
Die rings herum auf allen Bergen leuchten?
Ruodi.
Kommt Alle, kommt, legt Hand an, Männer und Weiber.
Brecht das Gerüste! Sprengt die Bogen! Reißt
Die Mauern ein! Kein Stein bleib’ auf dem andern.
Steinmetz.
Gesellen, kommt! Wir haben’s aufgebaut,
Wir wissen’s zu zerstören.
Alle.
Kommt, reißt nieder!
(Sie stürzen sich von allen Seiten auf den Bau.)
Walther Fürst.
Es ist im Lauf. Ich kann sie nicht mehr halten.
Melchthal
und
Baumgarten
kommen.
Melchthal.
Was? steht die Burg noch, und Schloß Sarnen liegt
In Asche, und der Roßberg ist gebrochen?
Walther Fürst.
Seyd ihr es, Melchthal? Bringt ihr uns die Freiheit?
Sagt, sind die Lande alle rein vom Feind?
Melchthal
(umarmt ihn)
.
Rein ist der Boden. Freut euch, alter Vater!
In diesem Augenblicke, da wir reden,