Teil 34
Von Oesterreich — Ihr seyd’s! Ihr habt den Kaiser
Erschlagen, euern Ohm und Herrn.
Johannes Parricida.
Er war
Der Räuber meines Erbes.
Tell.
Euern Ohm
Erschlagen, euern Kaiser! Und euch trägt
Die Erde noch! Euch leuchtet noch die Sonne!
Parricida.
Tell, hört mich, eh’ ihr —
Tell.
Von dem Blute triefend
Des Vatermordes und des Kaisermords,
Wagst du zu treten in mein reines Haus?
Du wagst’s, dein Antlitz einem guten Menschen
Zu zeigen und das Gastrecht zu begehren?
Parricida.
Bei euch hofft’ ich Barmherzigkeit zu finden;
Auch ihr nahmt Rach’ an eurem Feind.
Tell.
Unglücklicher!
Darfst du der Ehrsucht blut’ge Schuld vermengen
Mit der gerechten Nothwehr eines Vaters?
Hast du der Kinder liebes Haupt vertheidigt?
Des Herdes Heiligthum beschützt? das Schrecklichste,
Das Letzte von den Deinen abgewehrt?
— Zum Himmel heb’ ich meine reinen Hände,
Verfluche dich und deine That — Gerächt
Hab’ ich die heilige Natur, die
du
Geschändet — Nichts theil’ ich mit dir — Gemordet
Hast
du
,
ich
hab’ mein Theuerstes vertheidigt.
Parricida.
Ihr stoßt mich von euch, trostlos, in Verzweiflung?
Tell.
Mich faßt ein Grausen, da ich mit dir rede.
Fort! Wandle deine fürchterliche Straße!
Laß rein die Hütte, wo die Unschuld wohnt!
Parricida
(wendet sich zu gehen)
.
So
kann ich
, und
so will
ich nicht mehr leben!
Tell.
Und doch erbarmt mich deiner — Gott des Himmels!
So jung, von solchem adeligen Stamm,
Der Enkel Rudolphs, meines Herrn und Kaisers,
Als Mörder flüchtig, hier an meiner Schwelle,
Des armen Mannes — flehend und verzweifelnd —
(Verhüllt sich das Gesicht.)
Parricida.
O, wenn ihr weinen könnt, laßt mein Geschick
Euch jammern; es ist fürchterlich — Ich bin
Ein Fürst — ich
war’s
— ich konnte glücklich werden,
Wenn ich der Wünsche Ungeduld bezwang.
Der Neid zernagte mir das Herz — Ich sah
Die Jugend meines Vetters Leopold
Gekrönt mit Ehre und mit Land belohnt,
Und mich, der gleiches Alters mit ihm war,
In sklavischer Unmündigkeit gehalten.
Tell.
Unglücklicher, wohl kannte dich dein Ohm,
Da er dir Land und Leute weigerte!
Du selbst mit rascher, wilder Wahnsinnsthat
Rechtfertigst furchtbar seinen weisen Schluß.
— Wo sind die blut’gen Helfer deines Mords?
Parricida.
Wohin die Rachegeister sie geführt;
Ich sah sie seit der Unglücksthat nicht wieder.
Tell.
Weißt du, daß dich die Acht verfolgt, daß du
Dem Freund verboten und dem Feind erlaubt?
Parricida.
Darum vermeid’ ich alle offne Straßen;
An keine Hütte wag’ ich anzupochen —
Der Wüste kehr’ ich meine Schritte zu;
Mein eignes Schreckniß irr’ ich durch die Berge
Und fahre schaudernd vor mir selbst zurück,
Zeigt mir ein Bach mein unglückselig Bild.
O, wenn ihr Mitleid fühlt und Menschlichkeit —
(Fällt vor ihm nieder.)
Tell
(abgewendet)
.
Steht auf! Steht auf!
Parricida.
Nicht, bis ihr mir die Hand gereicht zur Hülfe.
Tell.
Kann ich euch helfen? Kann’s ein Mensch der Sünde?
Doch stehet auf — Was ihr auch Gräßliches
Verübt — Ihr seyd ein Mensch — Ich bin es auch;
Vom Tell soll Keiner ungetröstet scheiden —
Was ich vermag, das will ich thun.
Parricida.
(aufspringend und seine Hand mit Heftigkeit ergreifend.)
O Tell!
Ihr rettet meine Seele von Verzweiflung.
Tell.
Laßt meine Hand los — Ihr müßt fort. Hier könnt
Ihr unentdeckt nicht bleiben, könnt entdeckt
Auf Schutz nicht rechnen — Wo gedenkt ihr hin?
Wo hofft ihr Ruh zu finden?
Parricida.
Weiß ich’s? Ach!
Tell.
Hört, was mir Gott ins Herz gibt — Ihr müßt fort
Ins Land Italien, nach Sankt Peters Stadt;
Dort werft ihr euch dem Papst zu Füßen, beichtet
Ihm eure Schuld und löset eure Seele.
Parricida.
Wird er mich nicht dem Rächer überliefern?
Tell.
Was er euch thut, das nehmet an von Gott.
Parricida.
Wie komm’ ich in das unbekannte Land?
Ich bin des Wegs nicht kundig, wage nicht
Zu Wanderern die Schritte zu gesellen.
Tell.
Den Weg will ich euch nennen, merket wohl!
Ihr steigt hinauf, dem Strom der
Reuß
entgegen,
Die wildes Laufes von dem Berge stürzt —
Parricida
(erschrickt)
.
Seh’ ich die Reuß? Sie floß bei meiner That.
Tell.
Am Abgrund geht der Weg, und viele
Kreuze
Bezeichnen ihn, errichtet zum Gedächtniß
Der Wanderer, die die Lawine begraben.
Parricida.
Ich fürchte nicht die Schrecken der Natur,
Wenn ich des Herzens wilde Qualen zähme.
Tell.
Vor jedem Kreuze fallet hin und büßet
Mit heißen Reuethränen eure Schuld —
Und seyd ihr glücklich durch die Schreckensstraße,
Sendet der Berg nicht seine Windeswehen
Auf euch herab von dem beeisten Joch,
So kommt ihr auf die
Brücke
, welche
stäubet
.
Wenn sie nicht einbricht unter eurer Schuld,
Wenn ihr sie glücklich hinter euch gelassen,
So reißt ein schwarzes
Felsenthor
sich auf —
Kein Tag hat’s noch erhellt — da geht ihr durch,
Es führt euch in ein heitres
Thal
der Freude —
Doch schnellen Schritts müßt ihr vorüber eilen;
Ihr dürft nicht weilen, wo die Ruhe wohnt.
Parricida.
O Rudolph! Rudolph! Königlicher Ahn!
So zieht dein Enkel ein auf deines Reiches Boden!
Tell.
So immer steigend kommt ihr auf die Höhen
Des
Gotthardts
, wo die ew’gen
Seen
sind,
Die von des Himmels Strömen selbst sich füllen.
Dort nehmt ihr Abschied von der deutschen Erde,