Teil 28 Wilhelm Tell · Capítulo 28 de 35
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Teil 28

Der mir so oft den herben Pfeil beflügelt —

Entränn’ er jetzo kraftlos meinen Händen,

Ich habe keinen zweiten zu versenden.

(Wanderer gehen über die Scene.)

Auf dieser Bank von Stein will ich mich setzen,

Dem Wanderer zur kurzen Ruh bereitet —

Denn hier ist keine Heimat — Jeder treibt

Sich an dem Andern rasch und fremd vorüber

Und fraget nicht nach seinem Schmerz — Hier geht

Der sorgenvolle Kaufmann und der leicht

Geschürzte Pilger — der andächt’ge Mönch,

Der düstre Räuber und der heitre Spielmann,

Der Säumer mit dem schwer beladnen Roß,

Der ferne herkommt von der Menschen Ländern,

Denn jede Straße führt ans End der Welt.

Sie alle ziehen ihres Weges fort

An ihr Geschäft — und meines ist der Mord!

(Setzt sich.)

Sonst, wenn der Vater auszog, liebe Kinder,

Da war ein Freuen, wenn er wieder kam;

Denn niemals kehrt’ er heim, er bracht’ euch etwas,

War’s eine schöne Alpenblume, war’s

Ein seltner Vogel oder Ammonshorn,

Wie es der Wandrer findet auf den Bergen —

Jetzt geht er einem andern Waidwerk nach,

Am wilden Weg sitzt er mit Mordgedanken;

Des Feindes Leben ist’s, worauf er lauert.

— Und doch an

euch

nur denkt er, liebe Kinder,

Auch jetzt — euch zu vertheid’gen, eure holde Unschuld

Zu schützen vor der Rache des Tyrannen,

Will er zum Morde jetzt den Bogen spannen.

(Steht auf.)

Ich laure auf ein edles Wild — Läßt sich’s

Der Jäger nicht verdrießen, Tage lang

Umher zu streifen in des Winters Strenge,

Von Fels zu Fels den Wagesprung zu thun,

Hinan zu klimmen an den glatten Wänden,

Wo er sich anleimt mit dem eignen Blut,

— Um ein armselig Gratthier zu erjagen.

Hier gilt es einen köstlicheren Preis,

Das Herz des Todfeinds, der mich will verderben.

(Man hört von ferne eine heitere Musik, welche sich nähert.)

Mein ganzes Leben lang hab’ ich den Bogen

Gehandhabt, mich geübt nach Schützenregel;

Ich habe oft geschossen in das Schwarze

Und manchen schönen Preis mir heimgebracht

Vom Freudenschießen — Aber heute will ich

Den

Meisterschuß

thun und das Beste mir

Im ganzen Umkreis des Gebirgs gewinnen.

Eine Hochzeit zieht über die Scene und durch den Hohlweg hinauf.

Tell betrachtet sie, auf seinen Bogen gelehnt;

Stüssi

, der

Flurschütz, gesellt sich zu ihm.

Stüssi.

Das ist der Klostermei’r von Mörlischachen,

Der hier den Brautlauf hält — ein reicher Mann —

Er hat wohl zehen Senten auf den Alpen.

Die Braut holt er jetzt ab zu Imisee,

Und diese Nacht wird hoch geschwelgt zu Küßnacht.

Komm mit! ’s ist jeder Biedermann geladen.

Tell.

Ein ernster Gast stimmt nicht zum Hochzeithaus.

Stüssi.

Drückt euch ein Kummer, werft ihn frisch vom Herzen!

Nehmt mit, was kommt; die Zeiten sind jetzt schwer;

Drum muß der Mensch die Freude leicht ergreifen.

Hier wird gefreit und anderswo begraben.

Tell.

Und oft kommt gar das Eine zu dem Andern.

Stüssi.

So geht die Welt nun. Es gibt allerwegen

Unglücks genug — Ein Ruffi ist gegangen

Im Glarner Land, und eine ganze Seite

Vom Glärnisch eingesunken.

Tell.

Wanken auch

Die Berge selbst? Es steht nichts fest auf Erden.

Stüssi.

Auch anderswo vernimmt man Wunderdinge.

Da sprach ich Einen, der von Baden kam.

Ein Ritter wollte zu dem König reiten,

Und unterwegs begegnet ihm ein Schwarm

Von Hornissen; die fallen auf sein Roß,

Daß es vor Marter todt zu Boden sinkt,

Und er zu Fuße ankommt bei dem König.

Tell.

Dem Schwachen ist sein Stachel auch gegeben.

Armgart

kommt mit mehreren Kindern und stellt sich an den

Eingang des Hohlwegs.

Stüssi.

Man deutet’s auf ein großes Landesunglück,

Auf schwere Thaten wider die Natur.

Tell.

Dergleichen Thaten bringet jeder Tag;

Kein Wunderzeichen braucht sie zu verkünden.

Stüssi.

Ja, wohl dem, der sein Feld bestellt in Ruh,

Und ungekränkt daheim sitzt bei den Seinen.

Tell.

Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben,

Wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.

(Tell sieht oft mit unruhiger Erwartung nach der Höhe des Weges.)

Stüssi.

Gehabt euch wohl — Ihr wartet hier auf Jemand.

Tell.

Das thu’ ich.

Stüssi.

Frohe Heimkehr zu den Euren!

— Ihr seyd aus Uri? Unser gnäd’ger Herr,

Der Landvogt, wird noch heut von dort erwartet.

Wandrer

(kommt)

.

Den Vogt erwartet heut nicht mehr. Die Wasser

Sind ausgetreten von dem großen Regen.

Und alle Brücken hat der Strom zerrissen.

(Tell steht auf.)

Armgart

(kommt vorwärts)

.

Der Landvogt kommt nicht?

Stüssi.

Sucht ihr was an ihn?

Armgart.

Ach freilich!

Stüssi.

Warum stellet ihr euch denn

In dieser hohlen Gass’ ihm in den Weg?

Armgart.

Hier weicht er mir nicht aus, er muß mich hören.

Frießhardt

(kommt eilfertig den Hohlweg herab und ruft in die Scene).

Man fahre aus dem Weg — Mein gnäd’ger Herr,

Der Landvogt, kommt dicht hinter mir geritten.

(Tell geht ab.)

Armgart

(lebhaft)

.

Der Landvogt kommt!

(Sie geht mit ihren Kindern nach der vordern Scene.

Geßler

und

Rudolph

der Harras zeigen sich zu Pferd auf der Höhe des

Wegs.)

Stüssi

(zum Frießhardt)

.

Wie kamt ihr durch das Wasser,

Da doch der Strom die Brücken fortgeführt?

Frießhardt.

Wir haben mit dem See gefochten, Freund,

Und fürchten uns vor keinem Alpenwasser.

Stüssi.

Ihr wart zu Schiff in dem gewalt’gen Sturm?

Frießhardt.

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