Teil 19
Und brächtest wackre Leute gern ins Unglück.
Mag, wer da will, am Hut vorübergehn,
Ich drück’ die Augen zu und seh’ nicht hin.
Mechthild.
Da hängt der Landvogt — habt Respect, ihr Buben!
Elsbeth.
Wollt’s Gott, er ging’ und ließ’ uns seinen Hut;
Es sollte drum nicht schlechter stehn ums Land!
Frießhardt
(verscheucht sie)
.
Wollt ihr vom Platz! Verwünschtes Volk der Weiber!
Wer fragt nach euch! Schickt eure Männer her,
Wenn sie der Muth sticht, dem Befehl zu trotzen.
(Weiber gehen).
Tell
mit der Armbrust tritt auf, den Knaben
an der Hand führend; sie gehen an dem Hut vorbei gegen die vordere Scene,
ohne darauf zu achten.
Walther
(zeigt nach dem Bannberg)
.
Vater, ist’s wahr, daß auf dem Berge dort
Die Bäume bluten, wenn man einen Streich
Drauf führte mit der Axt —
Tell.
Wer sagt das, Knabe?
Walther.
Der Meister Hirt erzählt’s — Die Bäume seyen
Gebannt, sagt er, und, wer sie schädige,
Dem wachse seine Hand heraus zum Grabe.
Tell.
Die Bäume sind gebannt, das ist die Wahrheit.
— Siehst du die Firnen dort, die weißen Hörner,
Die hoch bis in den Himmel sich verlieren?
Walther.
Das sind die Gletscher, die des Nachts so donnern
Und uns die Schlaglawinen niedersenden.
Tell.
So ist’s, und die Lawinen hätten längst
Den Flecken Altorf unter ihrer Last
Verschüttet, wenn der Wald dort oben nicht
Als eine Landwehr sich dagegen stellte.
Walther
(nach einigem Besinnen)
.
Gibt’s Länder, Vater, wo nicht Berge sind?
Tell.
Wenn man hinunter steigt von unsern Höhen
Und immer tiefer steigt, den Strömen nach,
Gelangt man in ein großes, ebnes Land,
Wo die Waldwasser nicht mehr brausend schäumen,
Die Flüsse ruhig und gemächlich ziehn;
Da sieht man frei nach allen Himmelsräumen,
Das Korn wächst dort in langen, schönen Auen
Und wie ein Garten ist das Land zu schauen.
Walther.
Ei, Vater, warum steigen wir denn nicht
Geschwind hinab in dieses schöne Land,
Statt daß wir hier uns ängstigen und plagen.
Tell.
Das Land ist schön und gütig, wie der Himmel;
Doch, die’s bebauen,
sie
genießen nicht
Den Segen, den sie pflanzen.
Walther.
Wohnen sie
Nicht frei, wie du, auf ihrem eignen Erbe?
Tell.
Das Feld gehört dem Bischof und dem König.
Walther.
So dürfen sie doch frei in Wäldern jagen?
Tell.
Dem Herrn gehört das Wild und das Gefieder.
Walther.
Sie dürfen doch frei fischen in dem Strom?
Tell.
Der Strom, das Meer, das Salz gehört dem König.
Walther.
Wer ist der König denn, den Alle fürchten?
Tell.
Es ist der Eine, der sie schützt und nährt.
Walther.
Sie können sich nicht muthig selbst beschützen?
Tell.
Dort darf der Nachbar nicht dem Nachbar trauen.
Walther.
Vater, es wird mir eng im weiten Land;
Da wohn’ ich lieber unter den Lawinen.
Tell.
Ja, wohl ist’s besser, Kind, die Gletscherberge
Im Rücken haben, als die bösen Menschen.
(Sie wollen vorüber gehen.)
Walther.
Ei, Vater, sieh den Hut dort auf der Stange.
Tell.
Was kümmert uns der Hut! Komm, laß uns gehen.
(Indem er abgehen will, tritt ihm Frießhardt mit
vorgehaltener Pike entgegen.)
Frießhardt.
In des Kaisers Namen! Haltet an und steht!
Tell
(greift in die Pike)
.
Was wollt ihr? Warum haltet ihr mich auf?
Frießhardt.
Ihr habt’s Mandat verletzt; ihr müßt uns folgen.
Leuthold.
Ihr habt dem Hut nicht Reverenz bewiesen.
Tell.
Freund, laß mich gehen.
Frießhardt.
Fort, fort ins Gefängniß!
Walther.
Den Vater ins Gefängniß! Hülfe! Hülfe!
(In die Scene rufend.)
Herbei, ihr Männer, gute Leute, helft!
Gewalt! Gewalt! Sie führen ihn gefangen.
Rösselmann
,
der
Pfarrer
, und
Petermann
,
der Sigrist
,
kommen herbei, mit drei andern Männern.
Sigrist.
Was gibt’s?
Rösselmann.
Was legst du Hand an diesen Mann?
Frießhardt.
Er ist ein Feind des Kaisers, ein Verräther?
Tell
(faßt ihn heftig)
.
Ein Verräther, ich!
Rösselmann.
Du irrst dich, Freund! Das ist
Der Tell, ein Ehrenmann und guter Bürger.
Walther
(erblickt Walther Fürsten und eilt ihm entgegen).
Großvater, hilf! Gewalt geschieht dem Vater.
Frießhardt.
Ins Gefängniß, fort!
Walther Fürst
(herbeieilend)
.
Ich leiste Bürgschaft, haltet!
— Um Gottes willen, Tell, was ist geschehen?
Melchthal
und
Stauffacher
kommen.
Frießhardt.
Des Landvogts oberherrliche Gewalt
Verachtet er und will sie nicht erkennen.
Stauffacher.
Das hätt’ der Tell gethan?
Melchthal.
Das lügst du, Bube!
Leuthold.
Er hat dem Hut nicht Reverenz bewiesen.
Walther Fürst.
Und darum soll er ins Gefängniß? Freund,
Nimm meine Bürgschaft an und laß ihn ledig.
Frießhardt.
Bürg du für dich und deinen eignen Leib!
Wir thun, was unsers Amtes — Fort mit ihm!
Melchthal
(zu den Landleuten)
.
Nein, das ist schreiende Gewalt! Ertragen wir’s,
Daß man ihn fortführt, frech, vor unsern Augen?
Sigrist.
Wir sind die Stärkern. Freunde, duldet’s nicht!
Wir haben einen Rücken an den Andern.
Frießhardt.
Wer widersetzt sich dem Befehl des Vogts?
Noch drei Landleute
(herbeieilend)
.
Wir helfen euch. Was gibt’s? Schlagt sie zu Boden!
(Hildegard, Mechthild und Elsbeth kommen zurück.)
Tell.
Ich helfe mir schon selbst. Geht, gute Leute.
Meint ihr, wenn ich die Kraft gebrauchen wollte,
Ich würde mich vor ihren Spießen fürchten?
Melchthal
(zu Frießhardt)
.