Teil 04
So ist’s, das ist des Geßlers Groll auf mich.
Gertrud.
Er ist dir neidisch, weil du glücklich wohnst,
Ein freier Mann auf deinem eignen Erb,
— Denn er hat keins. Vom Kaiser selbst und Reich
Trägst du dies Haus zu Lehn; du darfst es zeigen,
So gut der Reichsfürst seine Länder zeigt;
Denn über dir erkennst du keinen Herrn,
Als nur den Höchsten in der Christenheit —
Er ist ein jüngrer Sohn nur seines Hauses;
Nichts nennt er sein als seinen Rittermantel;
Drum sieht er jedes Biedermannes Glück
Mit scheelen Augen gift’ger Mißgunst an.
Dir
hat er längst den Untergang geschworen —
Noch stehst du unversehrt — Willst du erwarten,
Bis er die böse Lust an dir gebüßt?
Der kluge Mann baut vor.
Stauffacher.
Was ist zu thun?
Gertrud
(tritt näher)
.
So höre meinen Rath! Du weißt, wie hier
Zu Schwytz sich alle Redlichen beklagen
Ob dieses Landvogts Geiz und Wütherei.
So zweifle nicht, daß sie dort drüben auch
In Unterwalden und im Urner Land
Des Dranges müd’ sind und des harten Jochs —
Denn, wie der Geßler hier, so schafft es frech
Der Landenberger drüben überm See —
Es kommt kein Fischerkahn zu uns herüber,
Der nicht ein neues Unheil und Gewalt-
Beginnen von den Vögten uns verkündet.
Drum thät es gut, daß euer Etliche,
Die’s redlich meinen, still zu Rathe gingen,
Wie man des Drucks sich möcht’ entledigen:
So acht’ ich wohl, Gott würd’ euch nicht verlassen
Und der gerechten Sache gnädig seyn —
Hast du in Uri keinen Gastfreund, sprich,
Dem du dein Herz magst redlich offenbaren?
Stauffacher.
Der wackern Männer kenn’ ich viele dort
Und angesehen große Herrenleute,
Die mir geheim sind und gar wohl vertraut.
(Er steht auf.)
Frau, welchen Sturm gefährlicher Gedanken
Weckst du mir in der stillen Brust! Mein Innerstes
Kehrst du ans Licht des Tages mir entgegen,
Und, was ich mir zu denken still verbot,
Du sprichst’s mit leichter Zunge kecklich aus.
— Hast du auch wohl bedacht, was du mir räthst?
Die wilde Zwietracht und den Klang der Waffen
Rufst du in dieses friedgewohnte Thal —
Wir wagten es, ein schwaches Volk der Hirten,
In Kampf zu gehen mit dem Herrn der Welt?
Der gute Schein nur ist’s, worauf sie warten,
Um loszulassen auf dies arme Land
Die wilden Horden ihrer Kriegesmacht,
Darin zu schalten mit des Siegers Rechten,
Und unterm Schein gerechter Züchtigung
Die alten Freiheitsbriefe zu vertilgen.
Gertrud.
Ihr seyd
auch
Männer, wisset eure Axt
Zu führen, und dem Muthigen hilft Gott!
Stauffacher.
O Weib! ein furchtbar wüthend Schreckniß ist
Der Krieg; die Heerde schlägt er und den Hirten.
Gertrud.
Ertragen muß man, was der Himmel sendet;
Unbilliges erträgt kein edles Herz.
Stauffacher.
Dies Haus erfreut dich, das wir neu erbauten.
Der Krieg, der ungeheure, brennt es nieder.
Gertrud.
Wüßt’ ich mein Herz an zeitlich Gut gefesselt,
Den Brand wärf’ ich hinein mit eigner Hand.
Stauffacher.
Du glaubst an Menschlichkeit! Es schont der Krieg
Auch nicht das zarte Kindlein in der Wiege.
Gertrud.
Die Unschuld hat im Himmel einen Freund!
— Sieh vorwärts, Werner, und nicht hinter dich!
Stauffacher.
Wir Männer können tapfer fechtend sterben:
Welch Schicksal aber wird das eure seyn?
Gertrud.
Die letzte Wahl steht auch dem Schwächsten offen:
Ein Sprung von dieser Brücke macht mich frei.
Stauffacher
(stürzt in ihre Arme)
.
Wer solch ein Herz an seinen Busen drückt,
Der kann für Herd und Hof mit Freuden fechten,
Und keines Königs Heermacht fürchtet er —
Nach Uri fahr’ ich stehndes Fußes gleich.
Dort lebt ein Gastfreund mir, Herr Walther Fürst,
Der über diese Zeiten denkt, wie ich.
Auch find’ ich dort den edeln Bannerherrn
Von Attinghaus — obgleich von hohem Stamm,
Liebt er das Volk und ehrt die alten Sitten.
Mit ihnen Beiden pfleg’ ich Raths, wie man
Der Landesfeinde muthig sich erwehrt —
Leb wohl — und, weil ich fern bin, führe du
Mit klugem Sinn das Regiment des Hauses —
Dem Pilger, der zum Gotteshause wallt,
Dem frommen Mönch, der für sein Kloster sammelt,
Gib reichlich und entlaß ihn wohlgepflegt.
Stauffachers Haus verbirgt sich nicht. Zu äußerst
Am offnen Heerweg steht’s, ein wirthlich Dach
Für alle Wandrer, die des Weges fahren.
Indem sie nach dem Hintergrunde abgehen, tritt
Wilhelm Tell
mit Baumgarten vorn auf die Scene.
Tell
(zu Baumgarten)
.
Ihr habt jetzt meiner weiter nicht vonnöthen.
Zu jenem Hause gehet ein, dort wohnt
Der Stauffacher, ein Vater der Bedrängten.
— Doch sieh, da ist er selber. — Folgt mir, kommt!
(Gehen auf ihn zu; die Scene verwandelt sich.)
Dritte Scene.
Oeffentlicher Platz bei Altorf.
Auf einer Anhöhe im Hintergrunde sieht man eine Veste bauen, welche
schon so weit gediehen, daß sich die Form des Ganzen darstellt.
Die hintere Seite ist fertig, an der vordern wird eben gebaut,
das Gerüste steht noch, an welchem die Werkleute auf und nieder
steigen; auf dem höchsten Dach hängt der Schieferdecker — Alles
ist in Bewegung und Arbeit.
Frohnvogt.
Meister Steinmetz.
Gesellen
und
Handlanger
.
Frohnvogt
(mit dem Stabe, treibt die Arbeiter).
Nicht lang gefeiert, frisch! Die Mauersteine
Herbei! den Kalk, den Mörtel zugefahren,
Wenn der Herr Landvogt kommt, daß er das Werk