Teil 21
Dem ’s Herz nicht in die Hand tritt, noch ins Auge.
Walther Fürst
(wirft sich vor ihm nieder)
.
Herr Landvogt, wir erkennen eure Hoheit;
Doch lasset Gnad’ für Recht ergehen, nehmt
Die Hälfte meiner Habe, nehmt sie ganz!
Nur dieses Gräßliche erlasset einem Vater!
Walther Tell.
Großvater, knie nicht vor dem falschen Mann!
Sagt, wo ich hinstehn soll. Ich fürcht’ mich nicht.
Der Vater trifft den Vogel ja im Flug,
Er wird nicht fehlen auf das Herz des Kindes.
Stauffacher.
Herr Landvogt, rührt euch nicht des Kindes Unschuld?
Rösselmann.
O, denket, daß ein Gott im Himmel ist,
Dem ihr müßt Rede stehn für eure Thaten.
Geßler
(zeigt auf den Knaben)
.
Man bind’ ihn an die Linde dort!
Walther Tell.
Mich binden!
Nein, ich will nicht gebunden seyn. Ich will
Still halten, wie ein Lamm, und auch nicht athmen.
Wenn ihr mich bindet, nein, so kann ich’s nicht,
So werd’ ich toben gegen meine Bande.
Rudolph der Harras.
Die Augen nur laß dir verbinden, Knabe!
Walther Tell.
Warum die Augen! Denket ihr, ich fürchte
Den Pfeil von Vaters Hand? Ich will ihn fest
Erwarten und nicht zucken mit den Wimpern.
— Frisch, Vater, zeig’s, daß du ein Schütze bist!
Er glaubt dir’s nicht, er denkt uns zu verderben —
Dem Wüthrich zum Verdrusse schieß und triff!
(Er geht an die Linde, man legt ihm den Apfel auf.)
Melchthal
(zu den Landleuten)
.
Was? Soll der Frevel sich vor unsern Augen
Vollenden? Wozu haben wir geschworen?
Stauffacher.
Es ist umsonst. Wir haben keine Waffen;
Ihr seht den Wald von Lanzen um uns her.
Melchthal.
O, hätten wir’s mit frischer That vollendet!
Verzeih’s Gott denen, die zum Aufschub riethen!
Geßler
(zu Tell)
.
Ans Werk! Man führt die Waffen nicht vergebens.
Gefährlich ist’s, ein Mordgewehr zu tragen,
Und auf den Schützen springt der Pfeil zurück.
Dies stolze Recht, das sich der Bauer nimmt,
Beleidiget den höchsten Herrn des Landes.
Gewaffnet sey Niemand, als wer gebietet.
Freut’s euch, den Pfeil zu führen und den Bogen,
Wohl, so will
ich
das Ziel euch dazu geben.
Tell
(spannt die Armbrust und legt den Pfeil auf).
Oeffnet die Gasse! Platz!
Stauffacher.
Was, Tell? Ihr wolltet — Nimmermehr — Ihr zittert,
Die Hand erbebt euch, eure Knie wanken —
Tell
(läßt die Armbrust sinken)
.
Mir schwimmt es vor den Augen!
Weiber.
Gott im Himmel!
Tell
(zum Landvogt)
.
Erlasset mir den Schuß. Hier ist mein Herz!
(Er reißt die Brust auf.)
Ruft eure Reisigen und stoßt mich nieder!
Geßler.
Ich will dein Leben nicht, ich will den Schuß.
— Du kannst ja Alles, Tell! An nichts verzagst du;
Das Steuerruder führst du wie den Bogen;
Dich schreckt kein Sturm, wenn es zu retten gilt.
Jetzt, Retter, hilf dir selbst — du rettest Alle!
(Tell steht in fürchterlichem Kampf, mit den Händen zuckend und die
rollenden Augen bald auf den Landvogt, bald zum Himmel gerichtet.
— Plötzlich greift er in seinen Köcher, nimmt einen zweiten Pfeil
heraus und steckt ihn in seinen Goller. Der Landvogt bemerkt alle
diese Bewegungen.)
Walther Tell
(unter der Linde)
.
Vater, schieß zu! Ich fürcht’ mich nicht.
Tell.
Es muß!
(Er rafft sich zusammen und legt an.)
Rudenz
(der die ganze Zeit über in der heftigsten Spannung gestanden und
mit Gewalt an sich gehalten, tritt hervor.)
Herr Landvogt, weiter werdet ihr’s nicht treiben,
Ihr werdet
nicht
— Es war nur eine Prüfung —
Den Zweck habt ihr erreicht — Zu weit getrieben
Verfehlt die Strenge ihres weisen Zwecks,
Und, allzustraff gespannt, zerspringt der Bogen.
Geßler.
Ihr schweigt, bis man euch aufruft.
Rudenz.
Ich
will
reden!
Ich darf’s! Des Königs Ehre ist mir heilig;
Doch solches Regiment muß Haß erwerben.
Das ist des Königs Wille nicht — ich darf’s
Behaupten — Solche Grausamkeit verdient
Mein Volk nicht; dazu habt ihr keine Vollmacht.
Geßler.
Ha, ihr erkühnt euch!
Rudenz.
Ich hab’ still geschwiegen
Zu allen schweren Thaten, die ich sah;
Mein sehend’ Auge hab’ ich zugeschlossen,
Mein überschwellend und empörtes Herz
Hab’ ich hinabgedrückt in meinen Busen.
Doch länger schweigen wär’ Verrath zugleich
An meinem Vaterland und an dem Kaiser.
Bertha
(wirft sich zwischen ihn und den Landvogt).
O Gott, ihr reizt den Wüthenden noch mehr.
Rudenz.
Mein Volk verließ ich, meinen Blutsverwandten
Entsagt’ ich, alle Bande der Natur
Zerriß ich, um an euch mich anzuschließen —
Das Beste Aller glaubt’ ich zu befördern,
Da ich des Kaisers Macht befestigte —
Die Binde fällt von meinen Augen — Schaudernd
Seh’ ich an einen Abgrund mich geführt —
Mein freies Urtheil habt ihr irr geleitet,
Mein redlich Herz verführt — Ich war daran,
Mein Volk in bester Meinung zu verderben.
Geßler.
Verwegner, diese Sprache deinem Herrn?
Rudenz.
Der Kaiser ist mein Herr, nicht ihr — Frei bin ich
Wie ihr geboren, und ich messe mich
Mit euch in jeder ritterlichen Tugend.
Und, ständet ihr nicht hier in Kaisers Namen,
Den ich verehre, selbst wo man ihn schändet,
Den Handschuh wärf’ ich vor euch hin, ihr solltet
Nach ritterlichem Brauch mir Antwort geben.
— Ja, winkt nur euren Reisigen — Ich stehe
Nicht wehrlos da, wie
die
—
(Auf das Volk zeigend.)
Ich hab’ ein Schwert,
Und, wer mir naht —
Stauffacher
(ruft)
.