Teil 09
Zweiter Aufzug.
Erste Scene.
Edelhof des Freiherrn von
Attinghausen.
Ein gothischer Saal, mit Wappenschildern und Helmen verziert.
Der Freiherr
, ein Greis von fünfundachtzig Jahren, von hoher
edler Statur, an einem Stabe, worauf ein Gemsenhorn, und in ein
Pelzwams gekleidet.
Kuoni
und noch
sechs Knechte
stehen um ihn her mit Rechen und Sensen. —
Ulrich von
Rudenz
tritt ein in Ritterkleidung.
Rudenz.
Hier bin ich, Oheim — Was ist euer Wille?
Attinghausen.
Erlaubt, daß ich nach altem Hausgebrauch
Den Frühtrunk erst mit meinen Knechten theile.
(Er trinkt aus einem Becher, der dann in der Reihe herumgeht.)
Sonst war ich selber mit in Feld und Wald,
Mit meinem Auge ihren Fleiß regierend,
Wie sie mein Banner führte in der Schlacht;
Jetzt kann ich nichts mehr als den Schaffner machen,
Und, kommt die warme Sonne nicht zu mir,
Ich kann sie nicht mehr suchen auf den Bergen.
Und so, in engerm stets und engerm Kreis,
Beweg’ ich mich dem engesten und letzten,
Wo alles Leben still steht, langsam zu.
Mein Schatten bin ich nur, bald nur mein Name.
Kuoni
(zu Rudenz mit dem Becher)
.
Ich bring’s euch, Junker.
(Da Rudenz zaudert, den Becher zu nehmen.)
Trinket frisch! Es geht
Aus
einem
Becher und aus
einem
Herzen.
Attinghausen.
Geht, Kinder, und wenn’s Feierabend ist,
Dann reden wir auch von des Lands Geschäften.
(Knechte gehen ab.)
Attinghausen
und
Rudenz
.
Attinghausen.
Ich sehe dich gegürtet und gerüstet,
Du willst nach Altorf in die Herrenburg?
Rudenz.
Ja, Oheim, und ich darf nicht länger säumen —
Attinghausen
(setzt sich)
.
Hast du’s so eilig? Wie? Ist deiner Jugend
Die Zeit so karg gemessen, daß du sie
An deinem alten Oheim mußt ersparen?
Rudenz.
Ich sehe, daß ihr meiner nicht bedürft,
Ich bin ein Fremdling nur in diesem Hause.
Attinghausen
(hat ihn lange mit den Augen gemustert).
Ja, leider bist du’s. Leider ist die Heimath
Zur Fremde dir geworden! Uly! Uly!
Ich kenne dich nicht mehr. In Seide prangst du,
Die Pfauenfeder trägst du stolz zur Schau,
Und schlägst den Purpurmantel um die Schultern;
Den Landmann blickst du mit Verachtung an,
Und schämst dich seiner traulichen Begrüßung.
Rudenz.
Die Ehr’, die ihm gebührt, geb’ ich ihm gern;
Das Recht, das er sich nimmt, verweigr’ ich ihm.
Attinghausen.
Das ganze Land liegt unterm schweren Zorn
Des Königs — jedes Biedermannes Herz
Ist kummervoll ob der tyrannischen Gewalt,
Die wir erdulden — dich allein rührt nicht
Der allgemeine Schmerz — dich siehet man,
Abtrünnig von den Deinen, auf der Seite
Des Landesfeindes stehen, unsrer Noth
Hohnsprechend, nach der leichten Freude jagen,
Und buhlen um die Fürstengunst, indeß
Dein Vaterland von schwerer Geißel blutet.
Rudenz.
Das Land ist schwer bedrängt — Warum, mein Oheim?
Wer ist’s, der es gestürzt in diese Noth?
Es kostete ein einzig leichtes Wort,
Um Augenblicks des Dranges los zu seyn,
Und einen gnäd’gen Kaiser zu gewinnen.
Weh ihnen, die dem Volk die Augen halten,
Daß es dem wahren Besten widerstrebt.
Um eignen Vortheils willen hindern sie,
Daß die Waldstätte nicht zu Oestreich schwören,
Wie ringsum alle Lande doch gethan.
Wohl thut es ihnen auf der Herrenbank
Zu sitzen mit dem Adelmann — den
Kaiser
Will man zum Herrn, um
keinen
Herrn zu haben.
Attinghausen.
Muß ich
das
hören und aus deinem Munde!
Rudenz.
Ihr habt mich aufgefordert, laßt mich enden.
— Welche Person ist’s, Oheim, die ihr selbst
Hier spielt? Habt ihr nicht höhern Stolz, als hier
Landammann oder Bannerherr zu seyn
Und neben diesen Hirten zu regieren?
Wie? Ist’s nicht eine rühmlichere Wahl,
Zu huldigen dem königlichen Herrn,
Sich an sein glänzend Lager anzuschließen,
Als eurer eignen Knechte Pair zu seyn,
Und zu Gericht zu sitzen mit dem Bauer?
Attinghausen.
Ach, Uly! Uly! Ich erkenne sie
Die Stimme der Verführung! Sie ergriff
Dein offnes Ohr, sie hat dein Herz vergiftet!
Rudenz.
Ja, ich verberg’ es nicht — in tiefer Seele
Schmerzt mich der Spott der Fremdlinge, die uns
Den Bauernadel schelten — Nicht ertrag’ ich’s,
Indeß die edle Jugend rings umher
Sich Ehre sammelt unter Habsburgs Fahnen,
Auf meinem Erb hier müßig still zu liegen,
Und bei gemeinem Tagewerk den Lenz
Des Lebens zu verlieren — Anderswo
Geschehen Thaten, eine Welt des Ruhms
Bewegt sich glänzend jenseits dieser Berge —
Mir
rosten in der Halle Helm und Schild;
Der Kriegstrommete muthiges Getön,
Der Heroldsruf, der zum Turniere ladet,
Er dringt in diese Thäler nicht herein;
Nichts als den
Kuhreihn
und der Heerdeglocken
Einförmiges Geläut vernehm’ ich hier.
Attinghausen.
Verblendeter, vom eiteln Glanz verführt,
Verachte dein Geburtsland! Schäme dich
Der uralt frommen Sitte deiner Väter!
Mit heißen Thränen wirst du dich dereinst
Heimsehnen nach den väterlichen Bergen,
Und dieses Heerdenreihens Melodie,
Die du in stolzem Ueberdruß verschmähst,
Mit Schmerzenssehnsucht wird sie dich ergreifen,
Wenn sie dir anklingt aus der fremden Erde.
O, mächtig ist der Trieb des Vaterlands!
Die fremde, falsche Welt ist nicht für dich;
Dort an dem stolzen Kaiserhof bleibst du
Dir ewig fremd mit deinem treuen Herzen!
Die Welt, sie fordert andre Tugenden,