Teil 11
Auf dem Felsen sind Steige mit Geländern, auch Leitern, von denen
man nachher die Landleute herabsteigen sieht. Im Hintergrunde zeigt
sich der See, über welchem anfangs ein Mondregenbogen zu sehen
ist. Den Prospect schließen hohe Berge, hinter welchen noch höhere
Eisgebirge ragen. Es ist völlig Nacht auf der Scene, nur der See
und die weißen Gletscher leuchten im Mondlicht.
Melchthal
,
Baumgarten
.
Winkelried
,
Meier
von Sarnen
,
Burkhart am Bühel
,
Arnold von Sewa
,
Klaus von der Flüe
und noch vier andere
Landleute
,
alle bewaffnet.
Melchthal
(noch hinter der Scene)
.
Der Bergweg öffnet sich, nur frisch
mir
nach!
Den Fels erkenn’ ich und das Kreuzlein drauf;
Wir sind am Ziel, hier ist das Rütli.
(Treten auf mit Windlichtern.)
Winkelried.
Horch!
Sewa.
Ganz leer.
Meier.
’s ist noch kein Landmann da. Wir sind
Die ersten auf dem Platz, wir Unterwaldner.
Melchthal.
Wie weit ist’s in der Nacht?
Baumgarten.
Der Feuerwächter
Vom Selisberg hat eben Zwei gerufen.
(Man hört in der Ferne läuten.)
Meier.
Still! Horch!
Am Bühel.
Das Mettenglöcklein in der Waldkapelle
Klingt hell herüber aus dem Schwytzerland.
Von der Flüe.
Die Luft ist rein und trägt den Schall so weit.
Melchthal.
Gehn Einige und zünden Reisholz an,
Daß es loh brenne, wenn die Männer kommen.
(Zwei Landleute gehen.)
Sewa.
’s ist eine schöne Mondennacht. Der See
Liegt ruhig da, als wie ein ebner Spiegel.
Am Bühel.
Sie haben eine leichte Fahrt.
Winkelried
(zeigt nach dem See)
.
Ha, seht!
Seht dorthin! Seht ihr nichts?
Meier.
Was denn? — Ja, wahrlich!
Ein Regenbogen mitten in der Nacht!
Melchthal.
Es ist das Licht des Mondes, das ihn bildet.
Von der Flüe.
Das ist ein seltsam wunderbares Zeichen!
Es leben Viele, die das nicht gesehn.
Sewa.
Er ist doppelt; seht, ein blässerer steht drüber.
Baumgarten.
Ein Nachen fährt so eben drunter weg.
Melchthal.
Das ist der Stauffacher mit seinem Kahn!
Der Biedermann läßt sich nicht lang erwarten.
(Geht mit Baumgarten nach dem Ufer.)
Meier.
Die Urner sind es, die am längsten säumen.
Am Bühel.
Sie müssen weit umgehen durchs Gebirg,
Daß sie des Landvogts Kundschaft hintergehen.
(Unterdessen haben die zwei Landleute in der Mitte
des Platzes ein Feuer angezündet.)
Melchthal
(am Ufer)
.
Wer ist da? Gebt das Wort!
Stauffacher
(von unten)
.
Freunde des Landes.
Alle gehen nach der Tiefe, den Kommenden entgegen. Aus dem Kahn
steigen
Stauffacher
,
Itel Reding
,
Hans auf der
Mauer
,
Jörg im Hofe
,
Konrad Hunn
,
Ulrich
der Schmid
,
Jost von Weiler
und noch drei andere
Landleute
, gleichfalls bewaffnet.
Alle
(rufen)
.
Willkommen!
(Indem die Uebrigen in der Tiefe verweilen und
sich begrüßen, kommt Melchthal und Stauffacher vorwärts.)
Melchthal.
O Herr Stauffacher! Ich hab’ ihn
Gesehn, der mich nicht wiedersehen konnte!
Die Hand hab’ ich gelegt auf seine Augen,
Und glühend Rachgefühl hab’ ich gesogen
Aus der erloschnen Sonne seines Blicks.
Stauffacher.
Sprecht nicht von Rache. Nicht Geschehnes rächen,
Gedrohtem Uebel wollen wir begegnen.
— Jetzt sagt, was ihr im Unterwaldner Land
Geschafft und für gemeine Sach’ geworben;
Wie die Landleute denken, wie ihr selbst
Den Stricken des Verraths entgangen seyd.
Melchthal.
Durch der Surennen furchtbares Gebirg,
Auf weit verbreitet öden Eisesfeldern,
Wo nur der heisre Lämmergeier krächzt,
Gelangt’ ich zu der Alpentrift, wo sich
Aus Uri und vom Engelberg die Hirten
Anrufend grüßen und gemeinsam weiden,
Den Durst mir stillend mit der Gletscher Milch,
Die in den Runsen schäumend niederquillt.
In den einsamen Sennhütten kehrt’ ich ein,
Mein eigner Wirth und Gast, bis daß ich kam,
Zu Wohnungen gesellig lebender Menschen.
— Erschollen war in diesen Thälern schon
Der Ruf des neuen Gräuels, der geschehn,
Und fromme Ehrfurcht schaffte mir mein Unglück
Vor jeder Pforte, wo ich wandernd klopfte.
Entrüstet fand ich diese graden Seelen
Ob dem gewaltsam neuen Regiment;
Denn, so wie ihre Alpen fort und fort
Dieselben Kräuter nähren, ihre Brunnen
Gleichförmig fließen, Wolken selbst und Winde
Den gleichen Strich unwandelbar befolgen,
So hat die alte Sitte hier vom Ahn
Zum Enkel unverändert fort bestanden.
Nicht tragen sie verwegne Neuerung
Im altgewohnten gleichen Gang des Lebens.
— Die harten Hände reichten sie mir dar,
Von den Wänden langten sie die rost’gen Schwerter,
Und aus den Augen blitzte freudiges
Gefühl des Muths, als ich die Namen nannte,
Die im Gebirg dem Landmann heilig sind,
Den eurigen und Walther Fürsts — Was euch
Recht würde dünken, schworen sie zu thun,
Euch schworen sie bis in den Tod zu folgen.
— So eilt’ ich sicher unterm heil’gen Schirm
Des Gastrechts von Gehöfte zu Gehöfte —
Und, als ich kam ins heimatliche Thal,
Wo mir die Vettern viel verbreitet wohnen —
Als ich den Vater fand, beraubt und blind,
Auf fremdem Stroh, von der Barmherzigkeit
Mildthät’ger Menschen lebend —
Stauffacher.
Herr im Himmel!
Melchthal.
Da weint’ ich nicht! Nicht in ohnmächt’gen Thränen
Goß ich die Kraft des heißen Schmerzens aus;
In tiefer Brust, wie einen theuren Schatz,
Verschloß ich ihn und dachte nur auf Thaten.
Ich kroch durch alle Krümmen des Gebirgs;